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Die Grenze der Freiheit

 

Viele von uns, die hier an der deutsch-schweizer Grenze leben, machen derzeit die ernüchternde Erfahrung, nur wenige Dinge zu dürfen – im vollen Bewusstsein, dass wir es doch könnten. So wie früher. Durch die Grenzschließung hat man uns Vieles verboten, was selbstverständlich geworden war. Wir waren es gewohnt, die Grenze täglich zu überqueren. Wir waren es sogar so sehr gewohnt, dass wir sie gar nicht mehr als Grenze wahrgenommen haben. Auch ich nicht.

Grenze und Glück

Ich pendle täglich zwischen unserer Kanzlei in Konstanz und unserer Niederlassung in Zürich (und meinem Wohnort in dessen Nähe). Beim Fahren denke ich gerne nach. Momentan über die wohltuende Erfahrung von Kontinuität. Mein Arbeitsalltag hat sich trotz Corona kaum verändert und ich darf die Grenze passieren. Nicht alle haben dieses Glück. Mir wird dabei bewusst, wie wichtig das Pendeln für mich ist. Ich höre Nachrichten, gehe anstehende Termine im Geiste durch oder überlege, wie ich komplexe Prüfungen verbessern kann.

Zeitfresser und Zeitpuffer

Die Pendelfahrt ist kein Zeitfresser, sie ist ein produktiver Zeitpuffer, den ich zur Vorbereitung nütze. Offen gestanden vermisse ich den schrecklichen Stau vorm Gubrist-Tunnel überhaupt nicht, aber ich ahne, dass er denjenigen, die im Home Office arbeiten, fehlen muss. Selbst der Stau gehört zu der Struktur, die ein Arbeitstag im Büro bietet. Und das Pendeln ermöglicht eine unsichtbare Produktivität. Auch im Zug, wenn zum Beispiel E-Mails (beruflich oder privat) beantwortet oder Präsentationen vorbereitet werden können. Die wirtschaftliche Bedeutung der Grenze und ihrer Schließung ist eine Seite, die menschliche eine andere:

Home Office und Stress

Wir können derzeit nicht aus allen Möglichkeiten schöpfen, die uns zur Verfügung stehen. Und wir sind uns dessen bewusst. Das ist eine neue Nuance von Stress – trotz aller Solidarität in der Situation. Ganz abgesehen davon, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren und nicht von Bildschirm zu Bildschirm. Das Home Office – von dem ich neue Möglichkeiten erhoffe – ersetzt den persönlichen Kontakt nicht. Mir fehlt der Händedruck zur Begrüßung, wenn ich einen Mandanten treffe (mit Abstand und Mund-Nase-Schutz). Ich möchte Menschen begegnen, ich möchte Mensch sein.

Mensch sein und Freiheit

Wie schön, dass die Grenzen nach und nach wieder geöffnet werden. Ich merke erst jetzt, wie wichtig und wie viel wert sie offen sind – sowohl wirtschaftlich-monetär als auch menschlich. Mir ist klar geworden, wie viel (Reise-)Freizügigkeit mit Freiheit zu tun hat. Und dass keine Freizügigkeit haben eine Grenze der Freiheit ist. Diese Freiheit ist mehr als ein Recht. Der Philosoph Jean-Paul Sartre würde wohl sagen:

„Freiheit ist der Stoff meines Seins.“ So steht es in seinem Buch über „Das Sein und das Nichts“ und meint sicher, dass Freiheit eine Grundbestimmung unseres menschlichen Seins ist. Wir können sie nicht von uns abspalten, weil wir alle selbstbestimmt denken und handeln. Der bekannteste Satz des französischen Theoretikers lautet: „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“ Im Buch heißt es, wir müssten stets das Gegebene überschreiten.

Bitte, bitte bald auch wieder Ländergrenzen.

D.M.

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